Netzwerk-CM Schweiz

Netzwerk Case Management Schweiz ist ein Verein von im Gesundheits-, Sozial- und Versicherungsbereich tätigen Personen und Institutionen, die mit der Methode des Case Management arbeiten.

CM-Tagung 2006

13. September 2006

Empowerment - Möglichkeiten und Grenzen
Eine Diskussion verschiedener Sichtweisen
Was hat Empowerment mit Meteorologie zu tun oder was können Bienen von Wespen lernen?

Der Titel dieses Berichtes von der 4. Schweizerischen Case Management Tagung mutet eher wie der Eintritt in eine kleine Geschichte an als der Beginn eines nüchternen Tagungsberichtes. Es war auch das erste Mal in der Geschichte des Netzwerks Case Management Schweiz, dass ein lebens- und beratungsnahes Thema wie „Empowerment“ diskutiert wurde, also weniger fachspezifisch auf Case Management bezogen, sondern breiter abgestützt im Kontext zu allen Lebens- und Arbeitsbereichen.


Der Tag begann mit ethischen Überlegungen aus gesellschaftspolitischer Perspektive zu theoretischen und praktischen Ambivalenzen des Empowermentbegriffs von Dr. Frank Mathwig. Erzieht – so die provokante Leitfrage von Dr. Mathwig – unser strapaziertes Gesundheits- Sozial- und Versicherungswesen mit seinen Bürokratisierungs- und Institutionalisierungstendenzen nicht zwangsläufig zur Unmündigkeit und macht damit jede Empowermentstrategie schon im Ansatz unmöglich? Zugleich zwingen die gesellschaftlichen Individualisierungsprozesse mit ihren vielfältigen Optionsspielräumen die Menschen dazu, sich ihre eigenen Strukturen und Orientierungen zu konstruieren. Das eröffnet nicht nur viele Freiheiten und Möglichkeiten sondern genauso einen Entscheidungsdruck, der häufig als krankmachende Überforderung erlebt wird. Anspruchsvolle Empowerment-Konzepte müssen in der Lage sein, diese beiden Aspekte sozialer und politischer Realität wahrzunehmen und konzeptionell zu integrieren. Vorliegende Empowermentstrategien leiden – so die These von Mathwig – an einer überzogenen Akteursfixierung, die die strukturellen Bedingungen des Handelns weitgehend ausblenden. Dagegen muss realistisches Empowerment in der Lage sein, zwischen individuellem Verhalten und sozialen Verhältnissen zu vermitteln. Der Adressantinnenkreis darf nicht auf die Betroffenen beschränkt werden, sondern muss in gleicher Weise die Verantwortungsträger auf der institutionellen und strukturellen Ebene einbeziehen.


Die Perspektive wechselte in der Folge mit dem Vortrag von Dr. Bernhard Grimmer vom Psychologischen Institut der Universität Zürich auf die Mikroebene. Diese perfekte Ergänzung ermöglichte es den aufmerksamen Zuhörenden, nach der komplexeren Theorieabhandlung Schlussfolgerungen für die tägliche Beratungspraxis zu ziehen. Dr. Grimmer beschrieb, dass Empowerment eine Grundhaltung von Case Management sein sollte und sich klar gegen die paternalistische hierarchische Beratungsbeziehung wendet. Case ManagerInnen sind aufgefordert, sich der Rolle bewusst zu sein und Verantwortung abzugeben an den betroffenen Menschen um seine Handlungsfähigkeit zu stärken. Dazu gehört nicht nur das „äussere“ Wissen um die theoretischen Zusammenhänge alleine, sondern erforderlich ist auch die innere Haltung und Einstellung um einem Mentalitätswechsel zu vollziehen. Damit kommt auch klar zum Ausdruck, dass der Klient und die Klientin sich mit den Entscheidung identifizieren muss und sich als Akteur/in dieser Entscheidung ansehen muss. Und damit verbunden die Herausforderung für die Beratenden, sich dem oft noch existierenden Grundsatz von Versorgung und Rettung zu verweigern. Fazit ist, dass sich Beratende und Klient/innen, an diese neue Selbständigkeit anpassen müssen.

Anschaulich berichtete sodann der nächste Referent, Ernst Meier, ehemals Employee Care Services, Human Ressources Siemens Schweiz, über die Verantwortung der Arbeitgeber im täglichen Arbeitsalltag aber auch im Falle eines Kündigungsprozesses. Empowerment ist dabei ein Handlungskonzept im Werkzeugkoffer des Case Managements. Arbeitgebende sind aufgefordert, die beruflichen und auch die privaten Ressourcen ihrer Arbeitnehmenden in die Personalführung einfliessen zu lassen und optimal einzusetzen, sei dies im besten Fall bei gesunden Mitarbeitenden oder im Krankheits- oder Invaliditätsfalle aber auch im Kündigungsprozess. Dies auch im Kontext der demographischen Veränderungen im Arbeitsmarkt, die erwarten lassen, dass in Zukunft auch ältere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen fester und zu pflegender Bestandteil der berufstätigen Bevölkerung sein werden.


Zum Abschluss des Vormittags war an und für sich als folgerechte Ergänzung zu den Vorträgen des Vormittags ein Interview mit einem Betroffenen, der persönlich Empowerment Strategien erfahren durfte, vorgesehen. Aufgrund eines familiären Vorfalls konnte der Referent jedoch nicht an der Tagung teilnehmen. Spontan und unkompliziert sprang Herr Thomas Mäder, Leiter Versicherungsleistungen der Suva Schweiz, ein und informierte die Teilnehmer und Teilnehmerinnen mit einem interessanten Vortrag über das New Case Management in der Suva.


Der kulinarisch erfreuliche Stehlunch auf dem Innenhof, in alter Tradition bei besten meteorologischen Verhältnissen und ausgerichtet vom Team „Paprika“ der Asyl-Organisation Zürich, förderte die lebhafte Diskussion auch in der Mittagspause und stärkte die Sinne der Teilnehmenden für den Nachmittag.


Mit Spannung und Vorfreude erwartet, betrat Monsieur Bertrand Piccard, seines Zeichens Abenteurer und Psychiater, die Bühne. Er versetzte die Zuhörer und Zuhörerinnen mit seinem Vortrag „How to play with the winds of life“ in Bann und veranschaulichte aus der Metaposition den Empowerment-Begriff direkt aus dem Abenteuer Ballonfahrt. Er verglich die Ballonfahrt mit einer Reise durchs Leben und als Metapher gesprochen mit einer Reise ins Unbekannte. Dabei lösen die unbekannten Winde Fragen und Zweifel aus und erschweren die Kontrolle über das Geschehen. Mit der Neigung des Menschen zur Kontrolle und Beherrschung jedweder Situation bereitet das Unbekannte Beklommenheit und verleitet oftmals zu falscher Kalkulation. Als alternative Strategie lehrt die Ballonfahrt, das Unbekannte zu lieben und mit dem Wind und der vorgegebenen Geschwindigkeit die Krise zu überwinden, ausgerüstet mit dem Wissen woher man gekommen ist, nicht aber wohin man gehen wird. Auf jeden Fall plädierte er für die interessantere Variante Ja zum Unbekannten zu sagen (was somit einer Akzeptanz gleichkommt), auch wenn eine Krise das Leben prägt. Zum Empowerment gehört auch die Kreativität zu verstehen, weshalb und warum die Gefahr schlussendlich auch eine Gelegenheit und im allerbesten Fall eine Chance darstellen kann aus einer Krise das Beste zu machen. Er beschrieb Empowerment als eine Quelle von Potential mit der Aufforderung an die Menschheit, diesen Reichtum in einer Krisensituation zu nutzen. Ein interessanter Vergleich dazu stimmte nachdenklich: Piccard beschrieb, dass das Leben oft in Bahnen gelenkt werde, die nur schlecht zu kontrollieren sind und bezifferte diesen Anteil ungefähr mit 80 %. Gleichermassen schilderte er, dass der Mensch dazu neige, sein 100%iges Energiepotential oft mit dem Hang zur Kontrolle der restlichen 20 % zu vergeuden, was schlussendlich zu leeren Batterien führe, die aufgeladen werden müssten. Eine Art sich wieder aufzuladen, könnte das Abwerfen von Ballast (zum Beispiel Glaubenssätze, vorgegebene Werte, Vergangenheit und Definitionen) sein, wie in der Ballonfahrt üblich, um wieder höher anzusteigen und an Fahrt zu gewinnen. Amüsant und doch ernst auch seine persönliche Beobachtung, wie Bienen dazu neigen, mit dem Kopf durch die gläserne Wand zu gehen und daran zu sterben…., während Wespen schlau und kontinuierlich nach einem Ausgang in einer ausweglos anmutenden Situation suchen und ihn schlussendlich auch finden. Somit entspricht die Wespenstrategie eher der Philosophie mit den Winden des Lebens zu gehen.


Die anschliessende Podiumsdiskussion mit den Fragen des Publikums beleuchtete das Thema Empowerment abschliessend mit der Kernaussage, dass erfolgreiches Empowerment einer Allianz zwischen den Systemen bedarf im Sinne der Betroffenen selbst sowie auch dem Gesundheits- Sozial- und Versicherungssystem im Falle von Case Management.

Erfolgreiches Empowerment braucht ein Grenzen überschreitendes Denken, um die heute oftmals vorherrschende Bienenstrategie erfolgreich in die Strategie der Wespen umzuleiten. Eine schöne Vorstellung ist, dass jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin dieses Gedankengut in den eigenen Alltag mitnehmen und pflegen kann und ein gesunder Samen in ein strapaziertes System gesetzt wird.

Heike Bartels

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