Netzwerk-CM Schweiz

Netzwerk Case Management Schweiz ist ein Verein von im Gesundheits-, Sozial- und Versicherungsbereich tätigen Personen und Institutionen, die mit der Methode des Case Management arbeiten.

"Jetzt läuft es gut"

Claudia Merki - 18. Dezember 2012

CM-Begleitung einer Jugendlichen mit Happy End

 

„Erhöhte Chancen auf Lehrabschluss dank Case Management“ lautet der Titel des Berichts über das Zürcher Case Management-Projekt Netz2 (Beitrag im News-Archiv September 2012). Gemäss Studie der Berner Fachhochschule für Soziale Arbeit erhöht dieses Projekt die Berufschancen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in einer schwierigen Lebenssituation. „Netz2 liegt uns am Herzen, weil es sich Jugendlichen annimmt, die ohne Unterstützung nicht vorankommen würden“, sagte Bildungsdirektorin Regine Aeppli an einer Medienkonferenz.
Diese Aussage trifft auf Shala F. zu (Name geändert). Ohne die intensive Begleitung und Unterstützung durch Case Managerin Corina Tilliot, Berufsbildung Kanton Bern und Vorstandsmitglied von Netzwerk Case Management, hätte die heute 20-jährige Frau aus dem Irak wohl kaum eine Lehrstelle gefunden.
Ihre schwierige Geschichte und die Interviews zum Case Management-Prozess aus der Sicht von Corina Tilliot und Shala F.

Reise der Hoffnung der Shala F.

Die Familie der damals elfjährigen Shala flüchtete 2003 mit Hilfe von Schleppern aus dem Norden Iraks über die Türkei und Italien in die Schweiz. Seit 2005 lebt Shala mit ihrer alleinerziehenden Mutter, einer älteren Schwester und drei jüngeren Geschwistern hier. Shalas Schulbildung im Irak war rudimentär: Sie konnte nur die erste und zweite Klasse der Primarschule besuchen. In der Schweiz trat das Mädchen, das kein Deutsch sprach, in die 6. Klasse der Realschule ein. Die Lernziele waren reduziert. Nach Ende der obligatorischen Schulzeit folgte das 10. Schuljahr mit Schwerpunkt Integration. Dort gab es Probleme: „Wegen auffälligem Verhalten und nicht Einhalten von Regeln musste Shala nach sechs Monaten die Schule verlassen“, erinnert sich Case Managerin Corina Tilliot. Shala begann 2010 im Alter von 18 Jahren eine Vorlehre im Detailhandel. Auch diese Chance hat sie vertan. Das Verhältnis wurde nach acht Monaten aufgelöst, weil sie einen Diebstahl beging. „Sie handelte im Auftrag ihres damaligen Freundes, dessen physischer und psychischer Gewalt sie ausgeliefert war“, sagt Corina Tilliot.

Shalas Lebenssituation war auf verschiedenen Ebenen schwierig. „Sie musste immer wieder den Wohnort wechseln, und die Beziehung innerhalb der Familie und zu ihren Partnern war problematisch“, erklärt die Case Managerin. Eine ständige Bedrohung war der immer wieder wechselnde Aufenthaltsstatus von „provisorisch“ mit geringen Arbeitsmöglichkeiten bis „vorläufig aufgenommen“ und wieder zurück, bis sie endlich die Aufenthaltsbewilligung B erhielt und damit anerkannter Flüchtling war.

Shalas Diebstahl hatte eine weitere Konsequenz: Sie verlor die per Sommer 2011 zugesagte EBA-Lehrstelle „Attest im Verkauf“. Doch erwies sich dies letztlich als Glück im Unglück. Die junge Frau bekam die Chance, in einem Alters- und Pflegeheim ein Praktikum zu absolvieren. Dabei merkte sie, dass ihr diese Arbeit zusagt. Shalas arbeitsame, hilfsbereite Art und ihr offener Umgang mit den Bewohnern hinterliess einen positiven Eindruck. Wenige Monate später erhielt sie die Zusage für eine zwei Jahre dauernde Lehre als Assistentin Gesundheit und Soziales im gleichen Heim. Am 1. August 2012 hat Shala die Stelle angetreten. „Es läuft gut“, freut sich Case Managerin Corina Tilliot.

 

Interview mit Corina Tilliot:

„Sie hat einen enormen Willen und Durchhaltevermögen“

Shala war 17-jährig und in der 9. Klasse, als die Berufsberatung sie beim Case Management Berufsbildung Kanton Bern anmeldete. Im Juni 2009 führte Case Managerin Corina Tilliot ein Erstgespräch mit der Jugendlichen.

 

Die Begleitung von Shala hat ein Happy End gefunden. Wie verlief der Start der Zusammenarbeit?

Sie war bereit, ich spürte keinen Widerstand. Shala war froh, dass der Berufsberater sie bei uns angemeldet hatte. Dass Jugendliche von Anfang an so kooperativ sind, ist aber eher die Ausnahme, besonders wenn sie auf Wunsch der Eltern oder einer Fachstelle kommen. Zudem wissen sie nicht, was sie erwartet. Deshalb reagieren viele skeptisch bis misstrauisch. Mit Shala habe ich schnell ein Vertrauensverhältnis aufbauen können.

 

Wie gehen Sie bei Widerstand von Jugendlichen vor?

Ich versuche, sie für die freiwillige Zusammenarbeit zu gewinnen, indem ich auf sie eingehe, mich an sie herantaste, um eine persönliche Verbindung herzustellen. Ich sage klar, was ich anbieten kann, was nicht und was man voneinander erwarten darf.

 

Welches war die grosse Herausforderung?

Generell liegt sie bei Jugendlichen mit Mehrfachbelastungen darin, den Zugang zu ihnen zu finden, ihr Vertrauen zu gewinnen, ihre Eigenheiten zu akzeptieren. Das Netzwerk muss gepflegt und einbezogen, Eltern eventuell entlastet werden. Dann gilt es herauszufinden, wer unterstützend wirkt und wer behindernd. Eine grosse Schwierigkeit ist, sie in einer ohnehin schwierigen Lebensphase motivieren zu können. Bei Shala war das zum Glück nicht nötig. Richtig schwierig wurde es jedoch, als sie den Diebstahl beging und damit die Lehrstelle aufs Spiel setzte. Da brach für sie fast eine Welt zusammen.

 

Welche Rolle spielte das persönliche Netzwerk?

Eine grosse. Die Familiensituation war insgesamt erschwerend, der damalige Freund belastend. Die ältere Schwester war eine wichtige Bezugsperson für Shala und ihr Vorbild.

 

Welche Ziele wurden zu Beginn der Begleitung gesteckt?

Oberstes Ziel war von Anfang an eine Ausbildung, ein Abschluss. Wir mussten herausfinden, was es dazu braucht und wie das private Umfeld mithelfen kann. Shala hatte unrealistische oder nicht überprüfte Berufswünsche. Sie wollte etwa eine dreijährige Lehre als Coiffeuse machen oder Polizistin werden. Ihre mangelnden Deutschkenntnisse machten die Sache nicht einfacher. Shala hat viel Energie, einen unglaublichen Willen und Biss. Doch sie ist auch impulsiv. Sie musste lernen, auf den Mund zu sitzen, überhaupt an sich zu arbeiten.

 

Mussten die Ziele während des Prozesses angepasst werden?

Anpassen oder ändern mussten wir die Berufswahl, die Zwischenschritte, das Timing. Das Grundziel „Ausbildung“ blieb stets das Gleiche, ebenso wie die wesentlichen Lebensthemen, zu denen auch das Wohnen oder die Beziehung zur Mutter gehörten. Auch sie hat sich im Laufe der Beratung entwickelt. Shala musste für ihre Familie Verantwortung übernehmen. Jetzt wohnt sie in ihren eigenen vier Wänden. Rückblickend war der Rauswurf aus dem 10. Schuljahr ein wichtiger Moment in ihrer Entwicklung, der viel Positives in Gang gebracht hat. Sie lernte etwa die Bereitschaft, Fehler einzugestehen und Konsequenzen zu tragen.

 

Welche individuelle Unterstützung war für Shala besonders hilfreich?

Der Einsatz eines Coaches bei der Lehrstellenvermittlung, das Organisieren einer psychologischen Beratung nach dem massiven Vorfall mit dem Ex-Freund, eine Beistandschaft sowie das Coaching der Mutter, damit diese unter anderem lernen konnte, loszulassen.

 

Auf welche positiven Ressourcen Shalas konnten Sie bauen?

Sie kann gut auf Leute zugehen, ist offen, kommunikativ, hilfsbereit. Ging sie schnuppern oder an ein Vorstellungsgespräch, kamen immer tolle Rückmeldungen. Sie hat einen enormen Willen und Durchhaltevermögen.

 

Ist Shala nun, da sie auf gutem Weg ist, aus Ihrer „Obhut“ entlassen?

Wir sehen uns jetzt nur noch etwa zwei Mal pro Jahr. Sollten wieder Gewitterwolken am Horizont aufziehen, darf sie sich natürlich bei mir melden. Das haben wir abgemacht, und darauf kann ich mich verlassen. Ich biete ihr jederzeit Rückhalt, wenn sie dies möchte und braucht. Der Entscheid über das Ende der Zusammenarbeit ist nach Möglichkeit immer ein gemeinsamer.

 

Interview mit Shala F.:

„Sie versprach, mich nicht aufzugeben“

 

Was haben Sie zu Beginn der Zusammenarbeit von der Unterstützung durch eine Case Managerin gehalten?

Der Berufsberater erklärte mir kurz, was das ist, doch verstanden hatte ich es nicht. Ich war sehr motiviert, hinzugehen, auch weil er mir nicht helfen konnte. Ich war eine Träumerin und hatte unmögliche Berufswünsche. Heute wollte ich Ärztin werden, morgen Automechanikerin. Natürlich war das unrealistisch, ich hatte ja keine Ahnung. Er nahm mir alle Hoffnungen, anstatt aufzuzeigen, welche Möglichkeiten es für mich gab. Die Chemie zwischen uns passte einfach nicht. Frau Tilliot zeigte mir dann geduldig auf, was realistisch ist, öffnete mir die Augen, half mir Schritt für Schritt.

 

Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit der Case Managerin erlebt?

Sie war sehr gut. Ging es mir schlecht, hatte ich Streit mit meiner Mutter, durfte ich ihr anrufen und brauchte nichts vorzuspielen. Ich kümmerte mich viel um meine Familie. Frau Tilliot erklärte, dass ich mich jetzt in erster Linie um mich selbst kümmern solle und war immer positiv. Sie hatte sehr viel Geduld mit mir, auch wenn ich manchmal zu spät oder gar nicht zum Gesprächstermin kam. Sie drohte mir nie mit dem Ende der Zusammenarbeit, gab mich nicht auf, stand hinter mir, egal, was ich anstellte. Hätte ich nicht jemanden wie sie gehabt, ich hätte aufgegeben.

 

Was war für Sie besonders schwierig?

Ich bekam viele Absagen auf Bewerbungen, wegen der fehlenden Aufenthaltsbewilligung oder weil mein Deutsch ungenügend war. Das zog mich jeweils runter. Als ich eine Zusage für eine Lehre im Detailhandel Textil hatte, baute ich einen Mist und verlor die Lehrstelle. Das machte mich zuerst sehr traurig, doch dann war ich froh, denn ich merkte, dass es nicht das Richtige gewesen wäre. Ich hätte die Lehre aber gemacht, einfach um die Chance zu packen. Ich fand es zu schwierig in der Schweiz und fragte mich, ob wir es hier je schaffen würden. Meine zwei Jahre ältere Schwester schaffte es als erste. Sie absolvierte ohne grosse Hilfe eine Lehre als Hotelfachfrau. Sie war mein Vorbild. Inzwischen arbeitet auch meine Mutter zu 100 Prozent als Allrounderin in einem Restaurant. Sie ist stark und eine Kämpferin wie ich.

 

Jetzt sind Sie in der Lehre als Assistentin Gesundheit und Soziales. Wie kamen Sie auf diesen Beruf?

Eine Lehrstellenvermittlerin kam auf die Idee, im Bereich Kleinkindererzieherin oder in der Pflege zu suchen. Ich schnupperte während einer Woche in einem Pflegeheim, dann bekam ich dort eine Praktikumsstelle. Danach war für mich klar, dass dieser Beruf perfekt zu mir passt. Jetzt mache ich in diesem Heim die zweijährige Ausbildung zur Assistentin Gesundheit und Soziales mit eidgenössischem Berufsattest. Ich bin sehr zufrieden, kann zur Schule gehen und habe ab und zu Kontakt mit Frau Tilliot.

 

Wie geht es in der Schule?

Es läuft sehr gut, ich habe gute Noten und bin lernbegierig. Kürzlich schoss ich eine 5,5 im Deutschaufsatz!

 

Welche Entwicklung konnten Sie durch den Case Management-Prozess an sich feststellen?

Ich habe Pünktlichkeit gelernt und den Umgang mit Vorgesetzten. Ich weiss nun, wie ich mich in gewissen Situationen verhalten soll und wie ich mein Temperament einsetzen kann. Frau Tilliot arbeitete an meiner ganzen Person. Sie hat mir geholfen, erwachsen zu werden.

 

Wie sehen Sie Ihre berufliche Zukunft?

Entweder hänge ich nach Lehrabschluss zwei Jahre an und schliesse mit dem Diplom „Fachfrau Gesundheit“ ab. Oder ich beginne eine weitere Lehre als Fachfrau Betreuung für Behinderte. Ich möchte meine jungen Jahre und meine Energie in Kinder oder Behinderte stecken, sie pflegen und aktivieren.

 

Bildquelle: Kzenon - Fotolia.com

Newsletter Abonnieren

Hier können Sie den Netzwerk Case Management Newsletter abonnieren. Einfach E-Mail Adresse eintragen und mit "SENDEN" Ihre Anfrage bestätigen.