Netzwerk-CM Schweiz

Netzwerk Case Management Schweiz ist ein Verein von im Gesundheits-, Sozial- und Versicherungsbereich tätigen Personen und Institutionen, die mit der Methode des Case Management arbeiten.

"CM wird in wenigen Jahren ein alltägliches Verfahren sein"

Claudia Merki - 13. Dezember 2013

Interview mit Martin Gehrer, Mitglied der Regierung des Kantons St. Gallen, Vorsteher des Finanzdepartements

Seit gut zehn Jahren wird in der Schweiz die Case Management-Methode in der Praxis angewendet, und zwar in Versicherungen, Sozialämtern, in Spitälern, oder Grossunternehmen, aber auch bei Schulabgängern oder Verwaltungen. Welches waren die Gründe dafür im Kanton St. Gallen?

Martin Gehrer: Wir selber haben vor fünf Jahren in der kantonalen Verwaltung ein betriebsinternes Case Management eingeführt. Nebst der Absicht, Mitarbeitende bei längerer Arbeitsunfähigkeit mit einer individuellen und bedürfnisgerechten Betreuung zu unterstützen, rechnete die Regierung auch mit einer generellen Senkung der Absenzrate und demzufolge mit einer Kostenminderung. Dieses Ziel haben wir erreicht. In den Jahren 2008 bis 2011 wies unser Case Management eine Wiedereingliederungsquote von 57 % auf. Aus betriebswirtschaftlicher und auch aus personalpolitischer Sicht ist das Case Management auf jeden Fall interessant. Bei einer breiteren Betrachtungsweise darf durchaus davon ausgegangen werden, dass dem Case Management auch volkswirtschaftlich nicht zu unterschätzende Bedeutung zukommt.

Welches ist aus Ihrer Sicht die volkswirtschaftliche Bedeutung von Case Management?

Der finanzielle Nutzen eines Case Managements ist ausgewiesen und durch diverse Studien belegt, dies insbesondere bei Versicherungen und Unternehmen. Die volkswirtschaftliche Bedeutung nimmt noch zu, wenn wir z.B. an ein Case Management im Bereich Alter oder Bildung denken. Überall dort, wo es um komplexe Sachverhalte mit organisationsübergreifenden Schnittstellen geht, kann ein Case Management sinnvoll sein. Ich bin überzeugt, dass das Case Management vielerorts vorteilhaft eingesetzt werden kann, auch wenn sich der volkswirtschaftliche Nutzen kurz- bis mittelfristig nicht genau messen lässt.

Inwiefern hat CM zu Kosteneinsparungen bei den verschiedenen Beteiligten beigetragen? Oder hat CM im Gegenteil die Kosten noch gesteigert?

Wer ein CM einführt, weiss, dass zu Beginn die Kosten steigen, und sei es nur aufgrund der zusätzlichen personellen Ressourcen oder neuer IT-Lösungen für die Fallführung. Die Einführung von CM bedeutet aber zusätzlich auch einen Kulturwandel, und die vollständige Etablierung wird nicht von heute auf morgen stattfinden. Mittel- bis langfristig ist der Nutzen des CM jedoch höher zu werten. Auf jeden Fall sind den messbaren Aufwendungen für ein CM die ungleich schwerer messbaren Kosteneinsparungen durch raschere Wiedereingliederungen in den Arbeitsprozess gegenüberzustellen, und nicht zuletzt dürfen auch die "weichen" Faktoren nicht übersehen werden. Dazu zähle ich die Wertschätzung, die Mitarbeitende empfinden, wenn sie in einer schwierigen Phase ihres Berufslebens durch das CM des Arbeitgebers betreut werden.

Soll CM eine freiwillige Leistung oder eine Pflichtleistung von Versicherern, Staat und Gemeinden sowie Institutionen sein?

Ich würde nicht von Freiwilligkeit oder Pflichtleistung sprechen, und auch den Ruf nach dem Staat halte ich für problematisch. Dass die Versicherer im Bereich Krankheit und Unfall hier gefordert sind, liegt wohl auf der Hand. Auf der anderen Seite halte ich es für geboten, wenn der Arbeitgeber im Rahmen seiner Fürsorgepflicht ein Case Management anbietet. Die Komplexität ist häufig hoch, Mehrfachproblematiken kein Einzelfall, die Zusammenarbeit über institutionelle Grenzen hinweg oftmals unabdingbar. Das Case Management ist ein geeignetes Verfahren, um in solchen Fällen eine wirtschaftliche und für allen Beteiligten nutzbringende Aufgabenerfüllung zu erreichen. Es wird deshalb auch ohne Vorschriften dort eingesetzt werden, wo es effektiv wirkt.

Welche Zukunft sehen Sie für das Case Management-Verfahren?

Ich bin überzeugt, dass sich das CM weiter etablieren und in wenigen Jahren ein alltägliches Verfahren sein wird, sei es als betriebsinternes oder als externes CM. Dabei wäre anzustreben, dass auch kleinere Organisationseinheiten wie KMUs oder Gemeinden diese Methode der ergebnisorientierten Wiedereingliederung nutzen könnten. Dieses Potenzial könnte durch organisationsübergreifende Kooperationen zweifellos erschlossen werden.

Foto: zvg

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