Netzwerk-CM Schweiz

Netzwerk Case Management Schweiz ist ein Verein von im Gesundheits-, Sozial- und Versicherungsbereich tätigen Personen und Institutionen, die mit der Methode des Case Management arbeiten.

9. ÖGCC Fachtagung: Case Management - Werte, Ethik und Normen

Claudia Merki - 7. Dezember 2016

Die 9. Internationale Fachtagung der Österreichischen Gesellschaft für Care und Case Management wurde am 14. Oktober 2016 in Kooperation mit der Public Health School Graz und der Versicherungsanstalt für Eisenbahnen und Bergbau in Graz durchgeführt. Ziel der Tagung war es, einen fachlich fundierten Blick auf «das so wichtige Feld der Werte, Ethik und Normen zu bieten» und sich auszutauschen. Als Referentin aus der Schweiz dabei war Myriam Eichenberger, Mitglied Fachteam Verein Netzwerk Case Management. Ihr Tagungsbericht.

 

Mit dem ersten Referat «Alle wollen das Gute! Entscheidungsprozesse im Spannungsfeld von Fürsorge, Selbstbestimmung und Systemlogiken» macht Dr. Hans-Walter Ruckenbauer deutlich, dass er «kein Set fertiger Lösungen» liefern, sondern einen Reflexionsprozess anregen wolle. Aus der Sichtweise des Ethikers erläutert er, wie wichtig eine (gemeinsame) Orientierung über Werte, Normen und Prinzipien sei. Er orientiert über Konfliktfelder und Einflussfaktoren; «Zentral in der Entscheidungsfindung ist heute der Patientenwille», erklärt Dr. Ruckenbauer. So informiert er denn auch über die Möglichkeiten, einen solchen zu bestimmen. Weiter liefert er dem Publikum fundierte Grundlagen zu medizinethischen Prinzipien und zu möglichen Lösungsansätzen in Entscheidungsprozessen.

 

Ethische Dilemmata aus der CM-Praxis

Die Ausführungen von Dr. Ruckenbauer ergänzen Myriam Eichenbergers Referat mit dem Titel „Ethische Herausforderungen – Wie können sich Case Manager ein kritisches Urteil bilden?“ auf ideale Weise. Die Autorin verdeutlicht ethische Dilemmata aus der Case Management Praxis. Reflexion von Werten und Normen sei zentral. Aber, hinterfragt sie: Sind die persönlichen Werte auch bekannt? Werden im Case Management (bzw. CM-Team) auch Diskussionen über Werte und Normen geführt? Sie betont, dass eine unkritische Anwendung der (für alle verfügbaren) Handlungsprinzipien nicht ratsam sei, da es im Kontext einer pluralistischen Gesellschaft die „fraglose Gültigkeit“ nicht mehr gebe. Auch die Professionsethik sei tendenziell einer Profession verpflichtet und weniger dem berufsübergreifenden Zusammenhang – was aber ein zentrales Element des Case Managements betreffe. Da die Autorin in der Praxis wiederholt erlebt, dass moralische Argumente in Verhandlungen eingebracht werden, obwohl es sich um einen medizinischen oder rechtlichen Sachverhalt handelt, orientiert sie an der Tagung über wichtige Aspekte von Ethik, Recht und Medizin. Die kritische Urteilsbildung sei aus ihrer Sicht zentral für Entscheidungsprozesse im Case Management. Als Abschluss ihres Referates zeigt sie denn auch mögliche Reflexionsprozesse auf.

 

Dr. Erwin Horst Pilgram, als Oberarzt in Graz tätig, führt aus, wie widersprüchlich das Prinzip Verantwortung im klinischen Alltag betrachtet werden könne. Und auch er beurteilt den Respekt der Autonomie des Patienten als zentral in Entscheidungsprozessen. Gleichzeitig warnt er vor der Gefahr, als Fachperson Verantwortung „abzuschieben“. Dies sei falsch verstandener Respekt von Autonomie. Aus ethischer Sicht seien Abhängigkeiten im Verhältnis Arzt – Patient zu berücksichtigen, was eine Entscheidungsfindung immer erschwere. «Das betrifft nicht nur Ärzte, sondern auch das Case Management», betont er.

 

Case Manager und Managerinnen als Auslöser für ethische Konflikte

Am Nachmittag widmen sich die Referentinnen und Referenten hauptsächlich den Spannungsfeldern im betrieblichen Case Management und dem doppelten Mandat in der Sozialarbeit. Unterschiedliche Konfliktebenen und der Umgang mit Widerstand werden anhand von Praxisbeispielen erläutert. Auf personaler Ebene bezeichnen sie zum Beispiel überhöhte Erwartungen, mangelnde Legitimation oder ein unklarer Status von Case Manager und Managerinnen als Auslöser für (ethische) Konflikte. Als Lösungsstrategien hätten sich Supervision und Reflexionsworkshops sehr lange schon bewährt.

Durch die Tagung führt Moderatorin Edith Zitz, Expertin beim Grazer Verein für Bildung und Management «Inspire thinking». Mit ihren Fragen regt sie die Teilnehmenden zum Nachdenken und Austausch an. Sie möchte zum Beispiel wissen, ob Tabus im Case Management bekannt seien. Spürbare Betroffenheit löst eine Diskussion über Suizidwünsche von Klientinnen und Klienten oder die Suizidbeihilfe durch Sterbehilfeorganisationen in der Schweiz aus.

 

Fazit der Tagung und Konsequenzen

So unterschiedliche Aspekte die Referentinnen und Referenten in ihren Vorträgen behandelten – sie haben alle deutlich gemacht, dass in der Praxis ein klares Bewusstsein für Problemfelder, Konfliktpotenziale und ethische Fragen im Case Management vorhanden ist. Kontroverse Diskussionen fanden kaum statt: Bis auf unterschiedliche Sichtweisen oder Schwerpunkte war man sich grundsätzlich einig. Darüber, dass die Reflexion zentraler Bestandteil sein soll, bestand eindeutige Übereinstimmung.

Welche Konsequenz ergibt sich aus dem Fazit? Die Autorin regt an, als einen nächsten möglichen Schritt über das WIE von ethischen Reflexionsprozessen im Case Management vermehrt nachzudenken.

Foto: ÖGCC

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